Die Großzügigkeit des Schöpfers

              … GESEHEN MIT DEN AUGEN EINES MALERS

 

– – von Gerhard Heitzer – –  

Immer noch werden irgendwo auf der Erde bisher unbekannte Pflanzen und Tiere entdeckt, benannt und beschrieben. Vor uns breitet sich ein ungeheures Spektrum von Lebensformen aus: Gräser, Blumen, Bäume, Kakteen, Pilze, Algen, Insekten, Weichtiere, Spinnen, Lurche, Fische, Vögel, Säugetiere.

Von verwechselbarer Ähnlichkeit bis zu äußerster Gegensätzlichkeit zeugen sie von einer unvorstellbaren Fülle an Gedanken, Bauplänen, DNS-Codes. Für verschiedenste Klimazonen und Lebensbereiche geschaffen sind sie voneinander abhängig, miteinander in Kreisläufen verbunden, in Konkurrenz oder in Symbiose.

Erkennbar und genau zu bestimmen sind sie durch Blattform, Blütenstand, Färbung, Flecken, Knochenbau, Anzahl der Beinpaare, Form der Fühler. Wir entdecken einen riesigen Katalog an Formen, Farbspielen, Kombinationen, Varianten, Nuancen – ein Musterbuch der Gestaltung.

Wenn man eine Pflanze, die uns als Ganzes geläufig ist, zerlegt, wird daraus eine ganze Reihe von selbständigen freien Formen, durchgestaltet in Linien, Flächen, Volumen, jede für sich schön und wohlproportioniert. Pflanzen zu zeichnen heißt: Ich will den Aufbau verstehen, suche Zusammenhänge, studiere Verzweigungen, schätze Kurven ab. Ich erkenne Schwerpunkte, Krümmungen, Verdickungen, Verwindungen, Weitung der Blütenkelche, Blattanordnung, Bewegungen, Abstände, Zwischenräume.

Und doch ist eine solche Pflanze ein Ganzes. Die selbständigen Formen bilden eine Einheit: Sie unterstreichen, ergänzen, bereichern einander. Farben steigern einander oder gleichen einander aus, ergeben Farbverläufe, Übergänge oder harte Kontraste.

Diese Erfindungen – meist Serien, Reihen, Abwandlungen – sind allesamt Originale, Einzelstücke; nicht maschinenfertig, sondern innerhalb der Regeln und Pläne variiert; keines ist den anderen gleich. Auch jeder Mensch hat seinen eigenen Fingerabdruck, sein einzigartiges Gesicht.

Jedes Tier, jede Pflanze löst eine Fülle von Gedanken aus, regt unsere Kreativität an, setzt Assoziationen frei, erinnert an schon gesehene Formen. Ich möchte sie beim Malen nachvollziehen, auswendiglernen, festhalten. Und ich komme immer wieder an Grenzen, denn die Fülle der Informationen übersteigt mein Gedächtnis, meine Merkfähigkeit und lässt meine Versuche zu zählen und zu messen lächerlich werden, weil damit doch nur ein kleiner Teil davon bewältigt werden kann.

Überfließend sind die Blüten am Ginsterstrauch, die in weichem Gelb leuchten und die Luft mit würzigem Geruch erfüllen. Die Blätter der Pappeln zappeln an federnden Stielen und verwandeln den Wind in ein plätscherndes, erfrischendes Rauschen.

Das Gefieder der Vögel –  zusammengesetzt aus Tausenden einzeln gestalteter Federn – fasziniert mich: wenn aus Zeichen Muster werden, wenn Farbverläufe entstehen. Aber es ist mehr als nur Farbe und Form, es ist das Material, der Glanz, die Bewegung des Halses oder Kopfes, das Leben in den Tieren. In der An-Ordnung der Federn steckt eine Schönheit, die über alle Funktionen hinausläuft.

Wir sind eingebunden in Licht-Luft-Stimmungen, die nicht nur der Zweckmäßigkeit genügen, sondern auch unser Herz bewegen: Das Licht der Sonne wandelt sich aus dem sanften, warmen Orange, das uns am Morgen ermutigt, über das grelle weiße Licht des Mittags, das alles zum Gleißen und Blinken bringt, zum Licht des Abends, das nun – wieder rot-orange – ein friedliches Tagesende ermöglicht. Ganz anders ist das Licht des Mondes, das den Schnee auf den Feldern zu kühlem Widerschein anregt. Es gibt dunstige Tage in weichem Licht und Tage mit leuchtenden Regenbögen vor blauschwarzen Wolkenhimmeln. Nichts davon ist zufällig oder „halt grad so“; es ist alles mit Absicht in Liebe aus einem entschiedenen Wollen gestaltet!

Und wir – wir dürfen uns an diesen Geschenken begeistern: Wir dürfen eintauchen in den Baum voller Kirschblüten, welche zart die großzügig geschwungenen, dünnen Zweige säumen; an eine große weiße Braut erinnert uns solch ein Blütenbaum.

Wir dürfen den süßen Duft des Flieders inhalieren aus großen Blütentrauben weiß, violett und lila, fest, schwer und von weichem Volumen.

Wir können den Frühling erleben, wenn sich ganze Zweige aus den Knospen schieben und sich Blätter wie Geschmeide aus den Knospenhülsen entfalten.

Zu jeder Zeit ist die Blüte der Pfingstrose vollendet, es ist nichts mehr hinzuzufügen: wenn sie noch geschlossen, wenn sie halb geöffnet, wenn sie offen ist, wenn dann in unzähligen Windungen und kleinsten Flammen die Blütenblätter sich kräuseln und die Blätter am Boden liegend verwelken, während die Fruchtknoten anschwellen.

Schillernde Schmetterlinge, bizarre Echsen, grazile Flamingos, massige Nashörner, flauschige Wolkenberge, mächtige Baumriesen, aufgewühlte Meere, gewaltige Gebirge… In mir klingt der Psalmvers: „Wie kostbar sind deine Gedanken, o Gott! Wie gewaltig sind ihre Summen! Wollte ich sie zählen, so sind sie zahlreicher als der Sand.“  (Ps 139,17.18a; Elberfelder Übersetzung)

 

GERHARD HEITZER (1957-2018) studierte Malerei in Nürnberg und war als Grafiker acht Jahre lang Mitarbeiter bei JMEM; von 1989 an war er als freischaffender Maler und Illustrator tätig.

 

 

Reihe: Artikel-Archiv „Hurlacher Texte“ (Nr. 11) – Dieser Artikel wurde zuerst in der JMEM-Zeitschrift DER AUFTRAG veröffentlicht. – Foto: http://www.gerhardheitzer.de/bio.html