Flüchtlinge in Deutschland und Europa


– Chance und Herausforderung für die Christen

 

  – – von Sokol Hoxha – –

 

Sobald es im Gespräch um Flüchtlinge geht, werden die Spannungen erkennbar, die in diesem Thema stecken. Wir Christen können uns um die damit verbundenen Fragen nicht herum drücken. Deshalb stelle ich hier eine (durchaus subjektive) Analyse und meine Erfahrungen und Beobachtungen zur Verfügung. Ich will auch einige Aufgaben skizzieren, die sich für uns Christen daraus ergeben.

 

Verwunderung über die „laschen“ Christen

Seit zwei Jahren begleite ich Mohammad aus Afghanistan. Er sagte: „Vieles von dem, was du über den Gott der Christen erzählst, ist mir bekannt.“ (Damit meinte er besonders das Alte Testament). „Aber eines verstehe ich nicht: Warum seid ihr Christen so lasch, wenn jemand sündigt, und bestraft ihn nicht? Warum bleibt ihr freundlich?“

Für mich war das die Gelegenheit, von dem liebenden Gott zu erzählen. Ich konnte ihm das Opfer Jesu Christi und die Vergebung der Sünden erklären. Da meinte er: „Das gefällt mir. Erzähl mir mehr von Jesus.“ – Inzwischen ist nicht nur Mohammad getauft worden, sondern auch fünf seiner Freunde.

 

Als die Euphorie schwand…

Was für Bilder sahen wir im August und September 2015! Hunderttausende Flüchtlinge auf der so genannten „Balkanroute“, zu Fuß, mit einem Koffer oder Sack, in dem sie all ihr Hab und Gut hatten; unter ihnen viele Frauen und Kinder.

Damals, als Angela Merkel die Entscheidung traf, den Flüchtlingen die Einreise nach Deutschland zu erlauben, waren fast alle der Meinung: „Ja, das war eine gute Entscheidung.“ Darum waren viele bereit, sich zu engagieren.

Die Entscheidung der Bundeskanzlerin war politisch unangefochten: Sie wurde von den Linken (mit ihrer Ideologie der Internationale), von den Grünen (mit ihrer Multikulti-Mentalität), von den Sozialdemokraten (mit ihrer Betonung der sozialen Gerechtigkeit) und von der Union (die dem C in ihrem Namen gerecht werden wollte) unterstützt. Nur die AfD war dagegen. Einige Wochen lang herrschte eine Euphorie in Deutschland. Und an den Satz „Wir schaffen es!“ glaubten fast alle.

Seitdem aber ist viel passiert und von der Euphorie ist nichts mehr zu spüren – im Gegenteil: Heute ist eher von Begrenzung und Abgrenzung die Rede.

Warum diese Wende in der Haltung gegenüber den Flüchtlingen? Man hat festgestellt, dass diese Leute ganz andere Werte mitbringen und dass viele von ihnen kaum Deutsch sprechen. Hinzu kamen die Terroranschläge in Paris und London, die Silvesternacht in Köln, der Anschlag im Herzen Berlins am Weihnachtsfest, dem wichtigsten Fest des Westens, auch politische Fehler wurden eingeräumt. Zudem hat sich inzwischen gezeigt, dass die Rahmenbedingungen für die Integration der Flüchtlinge, auch wenn sie verbessert wurden, nicht ausreichen.

 

Verstehen, warum Integration scheitert

In unserem Missionswerk leite ich einen karitativen Arbeitszweig. In diesem Rahmen hatten wir seither mit Tausenden von Flüchtlingen zu tun, viele von ihnen haben uns von ihren schwierigen Schicksalen erzählt – und auch von ihren Problemen mit den Behörden und mit dem Betreuungssystem in Deutschland. In den letzten fünf Jahren habe ich einiges beobachtet in Bezug auf die Frage: Warum gelingt die Integration nicht oder nicht ausreichend?

 

  • Die Bedeutung von Effizienz und von Beziehung

Man kann sicherlich sagen, dass wir Deutschen im Allgemeinen Wert darauf legen, dass wir zeit-, ziel- und ablauforientiert handeln. Effizienz ist uns sehr wichtig. Die meisten Flüchtlinge bringen dagegen eine beziehungsorientierte Prägung mit. Vieles wird im Kontext von Beziehungen weitergegeben: z. B. Wissen, Sprache, Kultur und Beruf. In Deutschland gibt es viele Programme und Angebote für Flüchtlinge (einschließlich Integrations- und Sprachkurse), aber diese sind anscheinend kaum wirkungsvoll. Warum wohl? Weil der Aspekt der Beziehung weitgehend fehlt: Nach dem Deutschunterricht gehen die Flüchtlinge zurück in ihre Asylheime, wo sie wieder nur Arabisch, Dari oder Persisch sprechen; im Hintergrund läuft im Fernseher Al Jazeera wieder auf Arabisch. Wo finden sie da Gelegenheiten, das Gelernte zu praktizieren?

 

  • Das Verhältnis zu Institutionen

In Deutschland vertrauen wir auf unsere Institutionen. Der Beamte genießt nach wie vor unser Vertrauen; was er sagt, wird gemacht. Den Flüchtlingen kommen aus Ländern, in denen vielfach Korruption herrscht. Ihnen fehlt dieses Vertrauen zu Institutionen, Politikern und Beamten. Schließlich sind sie vor solchen korrupten und diktatorischen Systemen geflohen.

 

  • Die religiöse Prägung

Deutschland ist von der jüdisch-christlichen Glaubenstradition und von der Aufklärung geprägt. Romano Prodi brachte dies 2014 in Stuttgart bei der Veranstaltung Miteinander für Europa folgendermaßen auf den Punkt: „Europa ist auf drei Hügeln gebaut: Akropolis, Kapitol und Golgota!“ Demgegenüber haben die Flüchtlinge aus islamisch geprägten Ländern ihr ganzes Leben lang ein negatives Bild vom christlichen Westen vermittelt bekommen, der als ungläubig hingestellt wurde. Wenn sie nun hierher kommen, dauert es eine gewisse Zeit, bis sie diese Bewertung, die vielfach mit starken negativen Emotionen verknüpft ist, ablegen können.

 

Die Chance der Christen

Mir gibt das Zuversicht: Wir Christen haben einen wichtigen Beitrag zu leisten, die Gemeinde Jesu Christi hat eine Aufgabe.

Bei dem Begriff „Sozialnetz“ denken die meisten wahrscheinlich zuerst an die virtuellen sozialen Netzwerke im Internet. Aber das größte und am besten funktionierende Sozialnetz in Deutschland ist die Kirche. Dieses reale Netz kann Flüchtlinge am besten auffangen. Christen kennen den ausdrücklichen Auftrag Gottes: „Wenn sich ein Ausländer bei euch niederlässt, sollt ihr ihn nicht ausbeuten. Den Ausländer, der bei euch wohnt, sollt ihr wie einen von euch behandeln und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst. Denn ihr selbst wart einst Fremde in Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Lev 19,33-34) – Übersetzung nach Neues Leben Bibel (NLB)

Mir scheint aber, dass wir Christen dazu neigen, diesen Auftrag Gottes einfach in den Bereich der Diakonie weiterzuschieben und an karitative Institutionen zu übertragen. Mir geht es nicht um diese Einrichtungen, ob sie Caritas oder Diakonisches Werk heißen. Aber klar ist: ihr Schwerpunkt liegt nicht auf der Verkündigung der guten Nachricht von Jesus Christus. Doch  gerade auf dieses Evangelium mit seiner Hoffnungsperspektive kommt es hier an: Schließlich war das der entscheidende Faktor, der einst jenen Kulturraum veränderte und prägte, den wir als „die westliche Welt“ bezeichnen.

Dazu kommt, dass in den karitativen Einrichtungen jeder Mitarbeiter für Hunderte von Flüchtlingen zuständig ist. Der so genannte „Papierkram“ fordert viel Zeit und Aufmerksamkeit, oft bleibt wenig Zeit oder Kraft für Freundschaft und Beziehungspflege.

Darum sehe ich gerade hier eine große Aufgabe für die Gemeinde Jesu Christi.

 

Hat Gott unsere Gebete erhört?

Ich kenne eine ganze Reihe von Christen, die für muslimische Länder besonders intensiv gebetet haben, weil diese Länder für christliche Missionare nur schwer zugänglich waren. Könnte es sein, dass Gott unsere Gebete für die islamische Welt erhört hat, dass aber seine Gebetserhörung nun ein bisschen anders aussieht, als wir gedacht hatten?

Könnte es sein, dass die Flüchtlinge sogar ein Geschenk für unsere Gesellschaft sein können? Wenn das so ist, dann gilt auch hier die alte Weisheit: „Krisen sind Chancen“. Dann muss die Gemeinde umdenken und neu lernen, die Herzen und die Türen zu öffnen und diese Chance ergreifen.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen denke ich, dass – bei allen Bedenken in rechtlicher Hinsicht – Bundeskanzlerin Merkel eine gute Entscheidung getroffen hat, als sie es den Flüchtlingen ermöglicht hat, nach Deutschland zu kommen.

 

Das Buch der Hoffnung

Wahrscheinlich würde sich Benjamin aus Nigeria dieser Bewertung anschließen. Er ist seit einigen Monaten in einem Flüchtlingslager in unserer Region. Wir hatten ihn zu „Celebrate the Nations“ eingeladen, das ist eine Veranstaltung, zu der wir einmal im Monat Flüchtlinge, Sozialarbeiter und Freunde aus unterschiedlichen Kirchengemeinden einladen. Dort hat Benjamin seine Geschichte erzählt:

Er kommt aus Südnigeria, wo sein Vater Häuptling eines Stammes war, der Ahnenverehrung praktiziert. Als er in Kontakt mit Christen kam, entschied er sich, Christ zu werden.

Benjamin sollte die Stammesführung übernehmen, als sein Vater starb. Aber seine neue Überzeugung hielt ihn davon ab. Das war für ihn sehr gefährlich und er wurde sogar mit dem Tod bedroht, wenn er sein Amt nicht annehmen würde. So blieb ihm nichts anderes übrig als Nigeria zu verlassen.

Er verbrachte dann zunächst sieben Jahre in Libyen, wo sein Glaube an Jesus allerdings abkühlte. Dann brachen die Unruhen in Libyen aus. Benjamin hatte die Möglichkeit, mit einem Boot nach Italien zu kommen. Letztendlich schaffte er es nach Deutschland.

So kam es, dass Benjamin bei unserer Veranstaltung in Hurlach dabei sein konnte. Durch die Begegnung mit anderen Christen wurde sein Glaube neu entfacht.

Er hat mich gebeten, ihm eine Bibel zu geben, und sagte: „Diese Bibel brauche ich nicht nur für mich, sondern auch für die Leute im Lager, die Gott noch nicht kennen.“ Er nannte mir auch noch eine zweite Motivation: Er wollte neue Hoffnung schöpfen. Hoffnung geben, das war das Anliegen von Jesus. Ich glaube, dass Jesus sagen würde: Ich bin zu den Hoffnungslosen gesandt.

Heute leitet Benjamin eine afrikanische Gemeinde mit internationaler Prägung, die hauptsächlich von Flüchtlingen und Migranten besucht wird.

 

Denk- und Handlungs-Anstöße

In Deutschland wünschen sich viele Menschen, dass die Flüchtlinge schnell Deutsch lernen und sich genauso schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren. Das ist ein sinnvolles Ziel. Aber wie soll das realisiert werden?

Die staatliche Perspektive achtet vor allem darauf, dass die Flüchtlinge die deutsche Sprache einigermaßen lernen und dass sie dadurch schnell in ein Arbeitsverhältnis kommen. Beides ist unverzichtbar; aber das bedeutet keineswegs, dass die Flüchtlinge dadurch auch tatsächlich integriert sind. Das zeigen etwa die Kinder und Enkelkinder vieler türkischer Gastarbeiter, die bereits vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen. In vielen Fällen könnte man sagen: Obwohl sie Deutsch sprechen und eine Arbeitsstelle haben, wurde das Ziel, also die Integration in die deutsche Gesellschaft, nicht erreicht.

Wenn wir genauer hinschauen, ergibt sich folgendes Bild: Die Integration in die deutsche Gesellschaft ist besonders bei denjenigen gelungen, die sich von ihrem alten Leben, von alten Werten, von altem Glauben getrennt haben und neue Hoffnung geschöpft haben. Manche haben es sogar geschafft, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Wer sich aber nicht vom „Alten“ getrennt hat, bleibt nach wie vor isoliert, nicht integriert und unzufrieden.

Hier sehe ich die Aufgabe der Christen: Sie können den Flüchtlingen den Zugang zum Evangelium, das den Westen so stark und positiv geprägt hat, ermöglichen. Stattdessen beobachte ich aber vielfach das Gegenteil: Aus dem Bemühen heraus, einfühlsam und tolerant zu sein, wird den Flüchtlingen die beste Nachricht der Menschheitsgeschichte vielfach vorenthalten. Hier möchte ich uns allen Mut machen, aktiver zu werden und das Evangelium mit der gebührenden Leidenschaft und Freunde weiterzugeben.

 

 

Der Autor Sokol Hoxha (50) ist verheiratet und Vater von vier Kindern, ist in Albanien aufgewachsen, hat an der Technischen Universität von Tirana Maschinenbau studiert und lebt seit 1993 in Deutschland. Er leitet den karitativen Arbeitszweig Love@Work – Liebe in Aktion des interkonfessionellen Missionswerks Jugend mit einer Mission Hurlach e.V. (JMEM). – Zum Schutz der Personen wurden die Namen der erwähnten Flüchtlinge geändert.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift Viele Charismen ein Leib. Ordenschristen für Kirche und Gesellschaft veröffentlicht (30. Jahrgang / Heft Nummer 2 / April – Juni 2018, Seite 20 – 25).

Info-Link: Arbeitszweig Love@Work – Liebe in Aktion des Missionswerks Jugend mit einer Mission Hurlach e.V. (JMEM).

 

Reihe: Artikel-Archiv „Hurlacher Texte“ Nr. 16